Vorurteile aus dem Weg räumen

Jantje Niggemann hat im Juli 2016 am e-fellows.net Power Breakfast in München teilgenommen.

„Beim e‑fellows.net Power Breakfast berichten dir zwei erfolgreiche Frauen von Hengeler Mueller, wie sie den Ein- und Aufstieg in einer Top-Kanzlei geschafft haben – ganz offen und in lockerer Runde.“ Nach dieser Ankündigung wurden wir eingeladenen Teilnehmerinnen, knapp 30 Studentinnen, Referendarinnen und Doktorandinnen, nicht enttäuscht.

Das Frühstück fand in den modernen Räumen des Münchener Büros der Sozietät statt. Über die drei Stunden hinweg lag jedoch der Schwerpunkt nicht auf den vorbereiteten Stärkungen, sondern auf dem Austausch. Um einen großen Konferenztisch versammelt konnten wir Fragen stellen, bis uns keine mehr einfielen. Rede und Antwort standen uns Viola Sailer-Coceani, Partnerin im Münchener Büro von Hengeler Mueller und Mutter eines Kindes, sowie Friederike von Türckheim, Associate im Berliner Büro und Mutter zweier Kinder.

Das Frühstück begann mit einer Vorstellung aller Teilnehmerinnen, in der wir unseren Werdegang und unsere Erwartungen an die Veranstaltung knapp beschrieben. Es folgte eine detaillierte Präsentation über den Verlauf einer Anwaltskarriere in der Sozietät. Dabei standen die Voraussetzungen an Bewerberinnen oder die einmalige HM Akademie St. Gallen und das für Hengeler Mueller bekannte Rotationsprinzip im Fokus. Letzteres betrifft nicht nur den Wechsel zwischen den anleitenden Partnern innerhalb des Rechtsgebietes: Frau von Türckheim befindet sich momentan in der obligatorischen „Inlandsstage“ im Münchener Büro. Auch über die „Auslandsstage“ in einem der internationalen Büros von Hengeler Mueller oder befreundeten Kanzleien haben die Referentinnen berichtet.

Anschließend gewährten uns die Referentinnen einen persönlichen Einblick in die individuelle Gestaltung ihrer Tätigkeit in der Sozietät. Insbesondere drehte sich das Gespräch um die Vereinbarkeit von Familie und dem Anwaltsberuf. Uns wurden verschiedene bei Hengeler Mueller gelebte Teilzeit-Modelle vorgestellt. Beispielsweise kann projektbezogen gearbeitet werden, sodass man abwechselnd Mandate komplett begleitet und dann wieder aussetzt. Der Arbeitstag kann aber auch regelmäßig am Nachmittag enden oder man arbeitet an einem oder mehreren Tagen pro Woche gar nicht. Dies kann, muss aber laut Frau von Türckheim nicht nur familiäre Gründe haben: „Ein Anwalt hat in Teilzeit gearbeitet, weil er sich auf den Ironman vorbereitet. Ein anderer spielt professionell Schach.“ Das sei ja quasi auch wie ein Baby. Weitere Anekdoten und Ratschläge wurden nach der offenen Diskussionsrunde in kleinen Kreisen ausgetauscht. Mit einer Führung durch das Münchener Büro klang die Veranstaltung aus.

Die beiden Anwältinnen haben gezeigt, dass die Zeiten, in denen Frauen noch Exotinnen an der Spitze von Großkanzleien waren, der Vergangenheit angehören. Offen und begeistert beantworteten sie alle Fragen, auch zu ihrem Privatleben, und konnten so Zweifel aus dem Weg räumen. Insbesondere haben sie vermittelt, dass selbst in den als konservativ geltenden Kanzleien ein offener und flexibler Umgang mit der Familienplanung gelebt wird. Es wurde zudem deutlich, dass Vereinbarkeit von Familienalltag und Karriere zunehmend auch das andere Geschlecht bewegt.

Hieran möchte ich meine einzige Kritik an dem sonst gelungenen Power Breakfast knüpfen: Gerade weil die angesprochenen Themen nicht mehr frauenspezifisch sind und dies auch nicht sein sollten, hätte ich mir eine Öffnung der Veranstaltung auch für interessierte Männer gewünscht. Insgesamt war das Frühstück aber sehr bereichernd und ich habe mich gefreut, dabei sein zu dürfen. Jantje Niggemann