Meine Wahlstation bei Anderson Mori & Tomotsune in Tokio - Ein Erfahrungsbericht

Katharina Beck absolvierte ihre Anwaltsstation bei Hengeler Mueller und ging im Anschluss für ihre Wahlstation zu Anderson Mori & Tomotsune nach Japan.

In der Wahlstation ins Ausland zu gehen, das wünschen sich viele Referendare. Nicht nur, um nach den schriftlichen Prü­fungen mal raus zu kommen und Abstand zu gewinnen, sondern auch weil es eine einmalige Erfahrung sein kann, Ein­blicke in das Rechts­system eines anderen Landes zu gewinnen und Alltag und Kultur dort aus nächster Nähe kennen zu lernen. Doch wie diesen Wunsch umsetzen? Schon eine Stelle über das Auswärtige Amt oder bei einer Kanzlei im Ausland zu finden, ist oft nicht leicht. Eine weitere Schwierigkeit ist die Finanzierung. Flüge, Unterkunft, Lebenshaltungs­kosten in London, New York oder Tokio und das nach zwei Jahren auf „Unterhalts­beihilfe“?

Hengeler Mueller hat mir geholfen, diesen Wunsch in die Tat umzu­setzen und mir eine Station bei der japanischen Wirtschafts­kanzlei Anderson Mori & Tomotsune (AMT), einer der „Big Four“ Kanzleien Japans, in Tokio vermittelt, wo ich von Januar bis März 2017 drei der spannendsten Monate meines Lebens verbringen durfte.

Die Vorbereitungen meiner Zeit in Tokio verliefen denkbar unkompliziert. Flugbuchung und Wohnungssuche oblagen zwar mir selbst, zur Überbrückung der ersten Woche buchten mir AMT jedoch ein Hotel in der Nähe der Kanzlei. Über Airbnb fand ich schließlich ein kleines Studio im Trend-Viertel Roppongi.

Angekommen in Japan, überraschte mich, wie einfach und angenehm es ist, sich im Land der aufgehenden Sonne einzu­­gewöhnen. Vor Beginn meiner Tätigkeit bei AMT nutzte ich die Gelegenheit, ein wenig zu reisen und besuchte u.a. Kyoto und Hiroshima. Alles in Japan ist perfekt organisiert – von der Restaurant­­­bestellung am Automaten bis hin zur sagenhaften Pünktlichkeit des öffentlichen Verkehrs. Fun Fact: Japans Shinkansen (Schnellzüge) haben im Durchschnitt maximal 30 Sekunden Verspätung. Fährt ein Zug mehr als 15 Sekunden zu spät am Bahnhof ein, muss der Fahrer sich schriftlich dafür verantworten. Nur die Sprache kann schnell zu einem echten Problem werden: Selbst in Tokio findet man außerhalb des Business District nur wenige Japaner, die Englisch sprechen. In den stark touristisch geprägten Gebieten und Hotels sieht das zwar anders aus, doch auf der Straße nach dem Weg zu fragen ist oft eine echte Heraus­­­forderung. Zum Glück sind die Japaner ungemein hilfsbereit und mit Händen und Füßen fand sich immer ein Weg der Verständigung.

Diese Offenheit und Hilfs­­­bereitschaft der Japaner machte es mir auch leicht, mich in den Arbeitsalltag bei AMT einzu­finden. Als „FLT“ (Foreign Legal Trainee) war ich keinem festen Team zugeteilt, sondern wurde bei englisch­­s­prachigen Aufgaben aller Art um Hilfe gebeten. So erledigte ich vor allem Recherchen zum internationalen Recht und erstellte zusammen­fassende Memos. Am meisten arbeitete ich meinen Interessen und Erfahrungen in Deutschland entsprechend im Kartellrecht und entwarf nach einiger Zeit auch selbstständig Schrift­sätze an die japanischen Kartell­behörden. Abschließend hielt ich einen Vortrag vor dem Team über aktuelle Ent­wicklungen des Kartellrechts in Deutschland und der EU sowie deren mögliche Auswirkungen auf international tätige Kanzleien im Ausland. Die Partner und Associates nahmen sich trotz voller Terminkalender stets die Zeit, mich in die Mandate einzuarbeiten, meine Arbeit zu besprechen und mir das Gefühl zu vermitteln, dass ich einen wichtigen und hilfreichen Beitrag zum Tages­geschäft leiste. Auch der persönliche Kontakt unter den Kollegen war extrem wichtig, gemeinsame Mittag- und Abendessen gehörten – auch zwischen Praktikant und Partner – zum Alltag in einer japanischen Kanzlei dazu.

Abgerundet wurde meine Arbeit in der Kanzlei von zwei wöchentlichen Japanisch-Stunden, die mir von der Kanzlei direkt im Büro organisiert wurden und die mir enorm halfen, die Sprachschwierigkeiten in Japan zu meistern, sowie zahlreichen – sehr besonderen – Social Events. Neben Lunch-Seminaren und Dinner-Events, wie man sie auch von Großkanzleien in Deutschland kennt, traf man sich bei AMT auch zum Mochi (Reiskuchen) backen, zum Kalligraphie-Wettbewerb (mein Beitrag hat leider nicht gewonnen!) oder zum Wochenendausflug in ein Onsen-Resort.

Auch abseits der offiziellen Veranstaltungen haben sich die Kollegen sehr bemüht, mir die japanische Kultur näher zu bringen. Wie das Schicksal es so wollte, teilte ich mein Büro mit einem Senior Associate, den ich bereits in Deutschland kennengelernt hatte, als dieser ein Secondment bei Hengeler Mueller in Düsseldorf absolvierte. Ganz der japanischen Gastfreundschaft entsprechend, organisierte er regelmäßige Essen, um mir verschiedene japanische Köstlichkeiten zu zeigen (wärmstens zu empfehlen sind neben Sushi auch Shabu-Shabu, Yakitori, Okonomiyaki und natürlich Curry!) oder Ausflüge in Tokios Nachtleben, z.B. in das jeder Beschreibung spottende Robot Restaurant im Ausgehviertel Shinjuku.

Auch außerhalb des Büros lässt sich in Tokio und Umgebung eine tolle Zeit verbringen. Beinahe jedes Wochen­ende habe ich allein oder mit anderen Kollegen aus dem Ausland Ausflüge in umliegende historische Städte und die Natur oder auch mal nach Disneyland unternommen. Wenn es mal weiter weg sein darf, bieten sich überdies Kurz­trips auf Japans südliche Inseln oder nach China, Korea und Taiwan an!

Zusammenfassend ist zu sagen, dass ich nur empfehlen kann, die Wahlstation des Referendariats im Ausland – und insbesondere in Japan – zu verbringen. Ich kann dabei nur unterstreichen, was für eine bereichernde Erfahrung es war, in einer „einheimischen“ Kanzlei tätig zu werden. Während man bei anderen Großkanzleien auch die Möglichkeit hat, in ein Büro im Ausland zu gehen, die Arbeitsweise aber doch oft ähnlich ist, bietet das „Best Friends“-Netzwerk von Hengeler Mueller die einzigartige Chance, die Arbeit und den Alltag in einer eigenständigen Kanzlei vor Ort und somit einen ganz anderen, von der lokalen Mentalität der Menschen geprägten Arbeitsansatz kennenzulernen. Katharina Beck