Anwaltsstage bei Hengeler Mueller in Düsseldorf
Graue Theorie. Riesige vergilbte Aktenberge. Kopieraufträge und Kaffeekochen. Zugeknöpfte Vollstrecker anonymer Konzerninteressen. Tunnelblick und Sozialleben um den Gefrierpunkt.
Wer dies für seine Referendarstation sucht, der wird von Hengeler Mueller bitter enttäuscht sein.
Meine persönlichen Erfahrungen während der Anwaltsstation in der Traditionskanzlei begannen dagegen blumig: Die Sozietät pflegt Ihre neuen Referendare mit einem bunten Strauß Blumen Willkommen zu heißen. Das war nur eine in einer Reihe von kleinen, aber feinen Gesten, die wesentlich dazu beitrugen, dass ich mich rasch persönlich aufgenommen fühlte. Bei meinem Arbeitsantritt zierte bereits das Namensschild die Tür, per Rundmail wurde ich dem ganzen Büro vorgestellt. Besonders beeindruckt hat mich aber, dass sich während der folgenden Vorstellungsrunde durch das ganze Haus jeder – trotz z.T. ersichtlich überbordender Schreibtische – die Zeit für ein kurzes Gespräch nahm.
Dann ging es auch schon los mit der täglichen Arbeit. Die war ebenso abwechslungsreich wie spannend. Ich hatte viele verschiedene Aufgaben und dem Selbstverständnis der Kanzlei als Anbieter von High-End-Beratung entsprechend ließen sich aufkommende rechtliche Fragen selten mit einem raschen Blick in den Kommentar beantworten. Auch in tatsächlicher Hinsicht kam keine Langeweile auf – manches Hengeler-Mandat macht in der Wirtschaftspresse Schlagzeilen.
Im Einzelnen wirkte ich u.a. mit an mehreren Due Diligences im Rahmen von M&A-Transaktionen und nahm an Telefonkonferenzen und Besprechungen mit Mandanten teil. Dabei hatte ich das Glück, in eine M&A-Transaktion von Beginn an mit einem eigenen Arbeitspaket eingebunden zu sein, so dass ich die Entwicklung des „Deals“ unmittelbar miterleben konnte. Aber auch „klassische Juristerei“ kam nicht zu kurz, so entwarf ich die Klageerwiderung in einem aktienrechtlichen Anfechtungsverfahren. Außerdem verfasste ich Gutachten und Notizen zu rechtlichen Fragen aus den Mandaten. Besonders reizvoll war auch, dass viele Mandate einen grenzüberschreitenden Bezug hatten, so bereitete ich z.B. eine Notiz vor, um einen ausländischen Mandanten über die Auswirkungen eines aktuellen deutschen Gesetzgebungsvorhabens auf sein Geschäft zu informieren.
Diese kurze Auswahl zeigt bereits, dass Hengeler Mueller seine Referendare nicht mit undankbaren Hilfstätigkeiten abspeist, sondern ihnen vielmehr Gelegenheit gibt, sich sichtbar in die Arbeit einzubringen. Dabei arbeitet man direkt mit dem Partner zusammen, dem man persönlich zugeordnet ist. Dies hat einen erheblichen Motivationseffekt, der auch die z.T. längeren Arbeitszeiten – die übrigens nach meiner Erfahrung von den Referendaren in keinem Fall eingefordert werden – vergessen lässt.
Die Sozietät ist nicht fest in bestimmte Dezernate o.ä. gegliedert. Welcher Art die eigene Arbeit konkret ist, hängt maßgeblich davon ab, bei welchem Partner man angebunden ist und welche Mandate dieser im Wesentlichen betreut. Das Kerngeschäft der Sozietät und damit auch das häufigste Einsatzgebiet der Referendare bildet der sog. Mainstream des Gesellschaftsrechts/M&A/Kapitalmarktrechts. Bekundet man entsprechendes Interesse, ist aber problemlos auch eine Tätigkeit in einem anderen Gebiet möglich. Außerdem bietet die „dezentrale“ Struktur der Kanzlei den Vorteil, dass man rasch mit vielen Anwälten in Kontakt kommt und so trotz prinzipieller Zuordnung zu einem bestimmten Partner auf verschiedenen Beratungsfeldern und an unterschiedlichen Aufgaben mitarbeiten kann. Man sitzt also schon als Referendar nicht in einer Abteilung „fest“, sondern kann sehr breite Einblicke in die wirtschaftsrechtliche Beratungspraxis gewinnen.
Spezialwissen ist dabei nicht erforderlich. Hilfreich für den Einstieg ist zwar neben der Beherrschung der englischen Sprache sicher ein gewisses Grundverständnis des Gesellschaftsrechts und wirtschaftlicher Zusammenhänge. Die aufkommenden Fragen sind aber meist so neu und speziell, dass sich Lösungsmöglichkeiten ohnehin erst nach gründlicher Recherche ergeben. Hierzu lädt die perfekt ausgestattete und von einem hilfsbereiten Team gepflegte Bibliothek geradezu ein.
In jedem Fall stehen dem Referendar im Wortsinne alle Türen offen, um sich mit Partnern und Associates auszutauschen. Während meiner Monate in der Sozietät lernte ich vor allem den sehr freundlichen und kollegialen Umgang miteinander schätzen. Die Arbeitsatmosphäre ist nach meinen Erfahrungen von Offenheit und gegenseitigem Wohlwollen geprägt, auch Humor und (Selbst-)ironie gehören dazu, was ganz wesentlich zur Freude an der Arbeit beiträgt. Mein Eindruck war, dass Referendare stets als (künftige) Kollegen wahrgenommen werden und ihrer Person gerade auch über das rein Fachliche hinaus ehrliches Interesse entgegengebracht wird. Dieser Eindruck, dass dem guten persönlichen Miteinander und Kontakt bei Hengeler besonderer Stellenwert zukommt, rührte bereits aus meinen ersten Begegnungen mit der Kanzlei her und war ausschlaggebend für meine Entscheidung, hier meine Anwaltsstation zu verbringen – das authentische Interesse an der Person des Bewerbers und unprätentiöse Auftreten ihrer Vertreter unterschied sie deutlich von anderen Großkanzleien.
Das abwechslungsreiche „Training on the job“ führt für sich genommen schon zu merklichen Lernfortschritten. Dabei bleibt es aber nicht: Hengeler-Referendare kommen zudem in den Genuss eines umfangreichen Weiterbildungsprogramms. Zum einen sind sie eingeladen, an den internen Fortbildungsveranstaltungen der Hengeler Mueller-Akademie für Anwälte teilzunehmen – besonders zu empfehlen ist die hochkarätige „Einführung in das Aktien- und Konzernrecht“ –, zum anderen existieren mit den monatlichen „Corporate Breakfasts“ auch speziell auf Referendare zugeschnittene Angebote, bei denen Anwälte im Rahmen eines leckeren Arbeitsfrühstücks über vielfältige Themen aus dem Tätigkeitsbereich der Kanzlei referieren – und auch gerne diskutieren.
Unmerklich wird daneben das räumliche Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit zu komplexem Denken geschult: Die eindrucksvollen, von Düsseldorfer Starinnenarchitekten gestalteten Kanzleiräumlichkeiten stellen insoweit zunächst eine echte Herausforderung dar. In die Anfangszeit fallen ständig neue Entdeckungen, von den großzügigen Konferenzräumen über die Kaffeebar und Terrasse bis hin zum Fitnessraum mit Blick über die Dächer von Düsseldorf. Wer möchte, kann dort in der Mittagspause oder abends noch etwas physisches Training betreiben. Überall ziert sorgfältig ausgewählte moderne Kunst die Wände, die Interessierten im Rahmen einer gelegentlich stattfindenden hausinternen Führung nähergebracht wird.
Besonders machen die Stage bei Hengeler auch die festen Institutionen der Kanzlei. Einmal im Monat findet der gesellschaftsrechtliche Erfahrungsaustausch (GEA) statt, bei dem die Anwälte aktuelle Praxisprobleme diskutieren. Dazu sind Referendare herzlich willkommen. Ansonsten trifft man sich jeden Mittag pünktlich um ein Uhr in der Empfangshalle, um in kleinen Gruppen in die einstündige Pause zu gehen. Das mittags hastig neben dem Bildschirm hineingestopfte Sandwich gehört nach meiner Beobachtung bei Hengeler zur absoluten Ausnahmeerscheinung.
Stets um das Referendarswohl bemüht sind der Partner, dem man persönlich zugeordnet ist, der Associate, der jedem Referendar als persönlicher Tutor zur Seite steht, und die freundlichen Personalreferentinnen, die öfter einmal auf ein Pläuschchen vorbeischauen und auch für eine Reihe von „social events“ verantwortlich zeichnen, mit denen Referendare bei Hengeler Mueller verwöhnt werden: Neben dem monatlichen Referendarsabend in einem Lokal der Düsseldorfer Altstadt werden Bootsfahrten, Klettern, Bowling und vieles mehr geboten. Dabei lernt man in lockerer Atmosphäre die Kollegen, Associates und Partner näher kennen und trifft auf spannende Persönlichkeiten, deren Interessen weit über den juristischen Tellerrand hinausgehen. Dass die Kanzlei mit ihrer einzigartig ausgeprägten eigenen Kultur so vielfältigen Charakteren Raum bietet, macht sie in meinen Augen zu etwas Besonderem; nicht umsonst wird sie gelegentlich auch – fast wie eine Familie – als „die Hengelers“ bezeichnet.
Obwohl schon von den ersten persönlichen Begegnungen mit der Kanzlei sehr angetan, hatte ich doch einen Augenblick gezweifelt, ob sich all dies auch gut mit dem eher eintönigen, aber notwendigen Lernen für das zweite Staatsexamen vertrüge. In Kürze: es ist sehr gut machbar und sorgt sogar für zusätzlichen Schub. Zwar sollte man die Belastung nicht unterschätzen, aber Hengeler Mueller nimmt, auf die zeitlichen Beschränkungen durch das Referendariat Rücksicht.
Nur ungern verließ ich schließlich zeitgleich mit einigen Kollegen die Kanzlei, um mich dem Examen zu widmen – allerdings nicht, ohne zuvor traditionsgemäß unseren Ausstand in der Bar im 6. Stock gefeiert zu haben. Dabei zeigte sich das Düsseldorfer Büro tolerant: Der Ausschank von Kölsch statt Altbier fand regen Anklang.
Ich hätte mir keine bessere Anwaltsstation vorstellen können und bin allen Hengelers sehr dankbar für die schöne und lehrreiche Zeit.
Sebastian v. Thunen
Erfahrungsberichte Referendare:
Station bei Hengeler Mueller
Station bei Best Friend Kanzleien
Short-Term Secondment London:

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