Wahlstage bei Uría Menéndez in Madrid
Meine Wahlstation führte mich in das Madrider Büro der Hengeler-best friends-Kanzlei Uría Menéndez. Das sog. best friends-Netzwerk ist die von Hengeler Mueller praktizierte Form der internationalen anwaltlichen Zusammenarbeit. Im Gegensatz zu den international fusionierten, zentral gesteuerten Großkanzleien aus UK oder den USA behält dabei jede der beteiligten nationalen Sozietäten trotz sehr enger persönlicher Verbindungen ihre Eigenständigkeit und Identität, ist aber jeweils bevorzugter Kooperationspartner der anderen bei grenzüberschreitenden Sachverhalten. Da man sich häufig persönlich sehr gut kennt, fällt die Zusammenarbeit im Mandat sehr leicht.
Noch etwas Zeit fachbezogen in Spanien verbringen zu dürfen, war mein langgehegter Wunsch. Nachdem ich dies im Vorfeld meiner Anwaltsstation angesprochen hatte, organisierte Hengeler Mueller dankenswerterweise innerhalb kurzer Zeit meine Wahlstage bei Uría. Auch für großzügige finanzielle Unterstützung war gesorgt. So saß ich im Flieger nach Madrid, gespannt auf viele neue Erfahrungen.
In Spaniens Hauptstadt angekommen, fiel mir als Erstes die (berechtigte) Begeisterung der Madrileños für ihre Stadt auf. Der Taxifahrer prophezeite mir gar auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt, bei drei Monaten Aufenthalt werde ich am Ende eine Madrileña heiraten. Ganz so ist es zwar nicht gekommen, aber ich bin doch begeistert von Kanzlei, Land und Leuten zurückgekehrt.
An meinem ersten Arbeitstag bei Uría fand ich mich vor dem riesigen zehnstöckigen Kanzleigebäude ein und konnte bei Temperaturen von 40 Grad im Schatten nur kurz das davor platzierte moderne Denkmal für Kanzleigründer Rodrigo Uría Sr., der zugleich einer der Honoratioren der Stadt Madrid war, bewundern. Im Gebäude war es dann dank Klimaanlage merklich kühler. Dem Etagenplan war bereits zu entnehmen, dass sich Uría als „full service-Kanzlei“ versteht, so dass auch das Strafrecht mit einer kleinen Abteilung vertreten ist. Ich war dem Herzstück der Kanzlei, dem „Derecho Mercantil“ zugeordnet. Dort wurde ich von Herrn Christian Hoedl, der Spezialist für Private Equity-Transaktionen und Chef des „German Desk“ ist, und seinem Team sehr herzlich aufgenommen. Mit ihnen arbeitete ich im 9. Stock mit einer atemberaubenden Aussicht über die Dächer Madrids bis hin zum Gebirgszug Sierra de Guadarrama.
Meine tägliche Arbeit bestand vor Allem in der Beantwortung von kanzleiinternen Anfragen zum deutschen Recht auf Spanisch, Übersetzungen im Sprachendreieck Spanisch-Deutsch-Englisch und dem Entwurf kürzerer deutscher und spanischer Gutachten und Verträge. Die mir bereits aus dem Düsseldorfer Büro von Hengeler Mueller bekannte „Notiz“ fand ihre Entsprechung in der Madrider „Nota“ als kurzem Vermerk über eine rechtliche Frage. Außerdem wurde ich im Rahmen der „Nachwehen“ einer Restrukturierung mehrmals für einen deutschsprachigen Mandanten beim spanischen Finanzamt vorstellig, was besonderes Fingerspitzengefühl und Geduld im Umgang mit Bürokratie erforderte. Im Übrigen unterstützte ich Anwälte von Uria während eines Großteils meiner Zeit an einer deutschsprachigen Publikation über das rechtliche Umfeld von Private Equity-Transaktionen in Spanien. Dies war ein guter Anlass, mir in der nach Qualität und Umfang durchaus mit derjenigen des Düsseldorfer Hengeler-Büros vergleichbaren Bibliothek gute Einblicke in die spanische Rechtsordnung zu erarbeiten. Schließlich wurde ich mit in die Koordination eines „best friends“-Mandats eingebunden, das aber leider erst nach meiner Zeit dort richtig anlief. Im Rahmen der wöchentlich stattfindenden Teambesprechungen referierte stets ein „abogado“ über ein aktuelles Thema. Zwar ging es dabei meist um spezielle Fragen des spanischen Gesellschafts- und Handelsrechts, das Zuhören lohnte sich jedoch schon allein des Spracherwerbs wegen; gelegentlich konnte ich auch kurz etwas zur entsprechenden Rechtslage in Deutschland sagen.
Da ich der einzige deutsche (seinerzeit noch Halb-) Jurist der Kanzlei war, stellte mir eines Tages die spanische Wirtschaftszeitung „Expansión“ einige Fragen zum deutschen Justizsystem. In seinem Artikel stellte der Redakteur Deutschland dann als Musterbild an Effizienz vor, obwohl ich gedacht hatte, ich hätte ihm auf seine Fragen hin ein eher bescheidenes Bild vom Zustand der deutschen Justiz gezeichnet – so unterschiedlich können Wahrnehmungen sein.
Im großen „auditorio“ der Sozietät, einer Art Luxus-Hörsaal mit bequemen Ledersesseln und modernster Technik, veranstaltet die gemeinnützige Rodrigo Uría-Stiftung interessante Vortragsabende zu vielfältigen rechtlichen, gesellschaftlichen und politischen Themen. Ich nahm z.B. an den Vorträgen eines ehemaligen israelischen Ministers zum Nahostfriedensprozess und eines Richters des „Tribunal Supremo“ (entspricht BGH) zum Einfluss des angelsächsischen Rechts auf die Rechtsentwicklung in Kontinentaleuropa teil.
Für eine sinnvolle Mitarbeit in der Kanzlei und die persönliche Integration sind Kenntnisse der spanischen Sprache sehr zu empfehlen. Zwar sprechen alle „abogados“ bei Uría Englisch, aber der Aufenthalt ist fachlich und persönlich ungleich gewinnbringender, wenn man in der Landessprache kommunizieren kann. Ein Grundverständnis für einzelne Fragen des spanischen Rechts bildet sich dann auch recht schnell heraus; nachdem mir von einem Studienjahr in England noch der Schock des englischen case law in den Knochen saß, war ich oftmals überrascht, wie ähnlich die Methodik, die Regelungen und dogmatischen Konzepte der deutschen und spanischen Rechtsordnung sind. Das liegt zum einen an der historischen Verwandtschaft der kontinentalen Rechtsordnungen, aber zum anderen auch daran, dass traditionell ein recht reger rechtspolitischer und wissenschaftlicher Austausch zwischen Spanien und Deutschland besteht.
Das Einleben machten mir meine spanischen Kollegen sehr leicht. Zwar ist die Sozietät anders als Hengeler Mueller in Abteilungen und feste Teams gegliedert und das Madrider Büro zudem sehr groß, überall ist jedoch das Klima sehr offen und regelrecht herzlich, so dass ich schnell Anschluss auch außerhalb meines Teams fand. Dazu trugen auch die social events, wie etwa eine vom „Club Social“ organisierte Prado-Besichtigung oder ein gemeinsames Essen aller „secondees“ mit Uría-Partnern, bei. Die für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich lange Mittagspause von zwei Stunden, in der es gilt, ein dreigängiges Menü in der sehr guten Kanzleikantine oder außerhalb zu verspeisen, bot auch reichlich Gelegenheit, die zum großen Teil im Vergleich zu Deutschland sehr jungen „abogados“ näher kennenzulernen. Viele von ihnen hatten in meinem Alter bereits mehrere Jahre Berufserfahrung, fanden das generalistische deutsche Ausbildungssystem mit Referendariat aber dennoch sehr positiv.
Mein Bürokollege und sein Freundeskreis führten mich dann auch in das (spät einsetzende) Madrider Nacht- und sonstige Leben außerhalb des Büros ein. Dabei lernte ich auch, wie man sich in die aus deutscher Sicht manchmal verwirrend vielstimmig und vor allem ohne Pause verlaufenden Unterhaltungen einbringt. Diese finden meist beim Abendessen statt, das traditionell ein ganz wesentliches gesellschaftliches Ereignis ist, sei es im Familien- oder im Freundeskreis. Mir persönlich gefiel auch besonders die Gelassenheit, die meine Gastgeber mit einer gleichbleibenden, unaufdringlichen Herzlichkeit verbanden.
Die Stadt Madrid hat bei noch überschaubarer Größe eine außerordentlich hohe Lebensqualität: ständig finden ihre Bewohner neue Anlässe zum Feiern, man kann sehr gut essen, eine Vielzahl von Sehenswürdigkeiten und weltbekannten Museen (Prado, Reina Sofia, Fundación Thyssen) lockt ebenso wie die nähere Umgebung mit den Weltkulturerbestädten Toledo, Segovia und Avila. Auch der eisgraue monumentale Klosterpalast Philipps II., El Escorial, ist einen Besuch wert, von dort aus lassen sich auch gut Wanderungen in die eindrucksvolle Landschaft der Sierra de Guadarrama unternehmen. Abends nach der Arbeit – ich habe das Büro regelmäßig pünktlich zum Feierabend zwischen sieben und acht Uhr abends verlassen – und am Wochenende konnte ich außerdem noch ein wenig in den Pool des Aparthotels, in dem ich auf Empfehlung von Uría untergekommen war, springen. So sammelte ich auch wieder etwas Kräfte für die bald anstehende mündliche Prüfung.
Es ist übrigens sehr zu empfehlen, Quartier in einem der zahlreichen Aparthotels Madrids zu nehmen – das Preisniveau ist erträglich und mit der Vergütung, die von Hengeler gezahlt wird, gut zu meistern. Der Markt für kurzzeitige Wohnungs-/Zimmermieten ist hingegen äußerst begrenzt.
Das Schicksal wollte es, dass gegen Ende meiner Stage Spanien und Deutschland im Finale der Europameisterschaft gegeneinander spielen sollten. Dies nahmen die Spanier angenehm entspannt und einfach als eine weitere Gelegenheit zum Feiern. Mir als einzigem Deutschen zwischen hunderten von spanischen Anwälten wurde auch dezenter ironischer Patriotismus in Form einer Deutschlandfahne als Bildschirmhintergrund gestattet. Nach dem Endspiel (mit anschließenden lautstarken Siegesfeiern bis zum nächsten Morgen in der ganzen Stadt) klopfte man mir in der Kanzlei aufmunternd auf die Schultern und kondolierte mit einem höflichen „Deutschland hat gut gespielt, aber wir waren einfach besser“.
Mein persönliches „spanisches Finale“ verlief dann ungleich angenehmer als das der deutschen Elf. Wir gingen noch einmal alle zusammen essen und Christian Hoedl und sein Team schenkten mir ein Trikot der spanischen Nationalmannschaft und einen Bildband von Madrid, ich revanchierte mich mit Apfelstrudel vom nahen deutschen Bäcker und – natürlich – deutschen Gesetzen.
Ich werde meine Zeit bei Uría nicht vergessen – während der drei Monate war ich wirklich zu Gast bei „best friends“. Vielen Dank für die tolle Station an Uría und Hengeler und meine wärmste Empfehlung an Jeden, der die Gelegenheit hat, eine Stage bei den spanischen „best friends“ zu absolvieren!
Sebastian v. Thunen
Erfahrungsberichte Referendare:
Station bei Best Friend Kanzleien
Short-Term Secondment London:

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