Zwischen Case Law, Wig und Fish & Chips – drei Wochen Short-Time-Secondment bei Slaughter and May
Auch in diesem November fand sich wieder eine Truppe von 8 Referendaren, bunt zusammengewürfelt aus den Hengeler Mueller-Büros Frankfurt, Düsseldorf und Berlin, zum ShortTerm-Secondment bei Slaughter and May in London ein. Noch etwas zerknittert vom Kampf durch Londons Undergroundsystem und Baustellengewimmel in der City trafen wir uns am ersten Morgen erstmals alle in der hochglanzpolierten Lobbyhalle von Slaughter and May, um in drei spannende und lehrreiche Wochen zu starten. Nachdem man sich miteinander bekannt gemacht hatte und einige Teilnehmer ihr Frühstück in Form der von S&M dargereichten Haribos eingenommen hatten, wurden wir pünktlich um 11.15 Uhr von Alison Hahn - unserer rührigen Betreuerin und Ansprechperson bei S&M – trotz einer kleinen Spitze gegenüber den natürlich überpünktlichen Deutschen überaus freundlich empfangen.
Unser Aufenthalt begann mit den üblichen Einführungsveranstaltungen, einschließlich einer unumgänglichen und ausführlichen Sicherheitsschulung. Dort lernten wir u. a. das ergonomisch korrekte und vor allen Dingen gefahrlose Einstellen unseres Bürostuhls als auch das Verinnerlichen der wichtigen Hotline-Nummer „55-55“, die Abhilfe in jeglichen Gefahrmomenten garantierte (beispielsweise in Fällen des Verschüttens klarer Flüssigkeiten oder des Übereinanderstapelns von mehr als drei Kartons).
Auch in den nächsten Tagen konnten wir ziemlich bald spüren, dass hier doch so einiges ganz anders läuft, als wir es alle von unseren bisherigen Kanzlei-Erfahrungen gewohnt waren – eben immer mit dem gewissen britischen Etwas.
Beeindruckend war für uns alle allein schon die Größe der Kanzlei: 600 Anwälte in einem Gebäude, das sprengte doch die Dimensionen von dem, was wir bisher kannten.
Gemessen an der Zahl der Anwälte wirkt das von Slaughter and May erst seit kurzem bezogene Gebäude dafür schon fast wieder klein – was den einen oder anderen von uns dennoch nicht davor bewahrt hat, sich bisweilen zwischen East- und West-Flügel der Flure zu verlaufen. Allerdings lässt die Vollverglasung des Gebäudeinnenhofes und der Aufzüge dann doch wieder eine gute Orientierung zu, trägt allerdings auch zu einem gewissen Aquariumgefühl bei - so richtig unbeobachtet fühlt man sich in diesem Gebäude nie.
Zugeteilt waren wir alle jeweils ein oder zwei Associates von Slaughter and May, die sich in den Wochen unseres Aufenthaltes allesamt bemühten, uns mit interessanten Aufgaben zu versorgen. Oftmals konnten wir im Gespräch mit ihnen deutlich spüren, wie unterschiedlich juristische Arbeitsweisen sein können: Während unsere Associates meist mit irritiertem Stirnerunzeln auf die Frage nach dem dogmatischen oder theoretischen Hintergrund der ein oder anderen Vertragsregel reagierten, verloren wir unsererseits oft den Überblick in der Flut von Präzedenzfällen und Standard Documents, dem täglich Brot eines Slaughter and May Solicitors. Interessant war auch in beinahe jedem Gespräch das gegenseitige ungläubige Staunen über den jeweiligen Werdegang des anderen. Die Unterschiede zwischen dem englischen Ausbildungssystem (mehrheitlich ein nicht-juristisches Universitätsstudium, danach ein Jahr Law School, danach als Trainee „learning on the job“, Berufsstart mit Anfang 20, etc.) und dem deutschen sind doch beträchtlich.
Natürlich saßen wir nicht nur in „unseren“ Büros – wir durften auch an einer Vielzahl von Vorträgen zum englischen Recht und Workshops teilnehmen, einige davon mit anderen Visiting Overseas Lawyers zusammen, was immer ausgesprochen interessant und unterhaltsam war. Im Property Law Workshop sind wir so zum Beispiel prompt vom eigentlichen Thema des englischen Sachenrechts abgekommen und irgendwo bei der Problematik bauordnungswidrig errichteter englischer Meerblickvillen am Strand von Mallorca gelandet.
Neben den Einführungsvorträgen zum englischen Recht wurden auch extra für uns Referendare verschiedene Veranstaltungen zum Englischen Juristen-Ausbildungssystem organisiert. Absolutes Highlight war dabei der Besuch des One Essex Court, einer berühmten Barrister-Vereinigung. Der dortige Senior Clerk, ein Mann mit Dickens-reifer Lebensgeschichte, plauderte dort mit uns über Perückenmode und Barristergehälter – natürlich stets mit der Mischung aus gebotenem Ernst und feiner Ironie, auf die sich wohl nur die Briten verstehen. Zur eigentlich obligatorischen Foto-Anprobe einer original House-of-Lords-Wig kam es dann für uns doch nicht mehr. Nachdem wir allerdings später erfuhren, dass die Perücken unter keinen Umständen gereinigt werden dürfen – je vergilbter und mitgenommener die Perücke, desto mehr macht der stolze Träger des künstlichen Haupthaares her – waren einige von uns darüber dann vielleicht doch nicht mehr so unglücklich.
Stattdessen durften wir mit einer Gruppe von jungen Barrister-Anwärtern königlich im holzvertäfelten Essex-Inn-Saal speisen, schräge Kellner und Hogwarts Ambiente inklusive. Hätte Her Majesty vom Nachbartisch ein würdevolles Kopfnicken herüber gesandt, es hätte uns nicht gewundert.
Über die für uns organisierten Veranstaltungen hinaus blieb dennoch eine Menge Zeit, die von Alison Hahn auch an uns versandte legendäre Liste möglicher Freizeitaktivitäten abzuarbeiten: Von Museum über Musical bis hin zu Kneipenrundgängen war für jeden etwas dabei – oder, wie es Alison Hahn treffend formulierte: „Someone who’s tired of London, is tired of life.“.
Selbst unser aller größte Sorge – die Angst vor der berühmt-berüchtigten Küche – hat sich in den drei Wochen unseres Aufenthaltes weitgehend aufgelöst. Dazu hat nicht unwesentlich die hervorragende und noch dazu preiswerte Kantine – eine seltene Kombination auf Londons teurem Pflaster – bei Slaughter and May beigetragen.
Es soll Leute in unserer Gruppe gegeben haben, deren Normalkonsum sich vor lauter Begeisterung über das gute Essen auf zwei Hauptgänge und (mindestens) zwei Desserts pro Lunch eingependelt hat …
Allerdings war man auch gut beraten, sich noch einen Reservehunger für die diversen Abendaktivitäten aufzusparen. So wurden wir zum Beispiel zweimal von Hengeler Mueller in Szene-Restaurants eingeladen, deren Preisniveau trotz des großzügig bemessenen Spesenzuschusses für diesen Aufenthalt unser Budget gesprengt hätte.
Dass HM auch ansonsten weder Kosten noch Mühen für einen tollen Aufenthalt in London gescheut hat, zeigte sich nicht zuletzt am fast ausschließlich sehr guten Wetter während der gesamten Aufenthaltszeit und an der Heimniederlage der englischen Fußball-Nationalmannschaft gegen Kroatien (wir begegneten nach diesem denkwürdigen Spiel tatsächlich noch einigen verwegenen kroatischen Fans, die mutig feiernd durch die City zogen). Zwar sorgte das englische Debakel am nächsten Tag für eine merklich gedrückte Stimmung in der Kanzlei; aber auch dies konnte den absolut freundlichen Gesamteindruck, den sämtliche S&M Mitarbeiter auf uns machten, nicht trüben. Man verzieh uns sogar jegliches sture Unvermögen in Bezug auf ein Verständnis der englischen Kricket-Regeln und letztendlich auch einen beinahe blasphemischen Baseball-Vergleich. Insgesamt war es ein toller Aufenthalt bei einer großartigen Kanzlei in einer aufregenden Stadt, den niemand von uns missen möchte.
Vielen Dank Hengeler Mueller für dieses geniale Secondment! In diesem Sinne – say it again Arne:
„Auf die beste Kanzlei der Welt!“
Frankfurt, im Dezember 2007
Ute Baumgartner, Steffen Lieske, Dr. Thomas Buchmann, Maximilian von Mangoldt
Erfahrungsberichte Referendare:
Station bei Best Friend Kanzleien
Short-Term Secondment London:
Secondment 2008/I

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