Erfahrungsbericht London

Dass meine Wahlstation im Düsseldorfer Büro von Hengeler Mueller bei Slaughter and May in London beginnen würde, war ursprünglich nicht geplant gewesen. Nach einer kurzen Pause nach den Examensklausuren sollte ich eigentlich am 8. November meinen ersten Arbeitstag in Düsseldorf haben. Bei einem Telefongespräch zwei Monate vor Stationsbeginn riet mir die Personalreferentin Sandra Voigt dann aber, mich für den Monat November doch noch nicht um eine Unterkunft in Düsseldorf zu bemühen, da ein London-Aufenthalt für eine Gruppe von Referendaren geplant sei, an dem ich teilnehmen könne. Ich war natürlich sofort interessiert; insbesondere die Perspektive, nach dem Stress der Examensklausuren zunächst einmal London erkunden zu dürfen, war verlockend. Abends rief dann auch der für das Programm zuständige Partner Rainer Krause an und lud mich ein, an dem erstmals durchgeführten Programm bei Slaughter and May teilzunehmen – eine tolles Überraschungsgeschenk, das meine Motivation bei der eintönigen Examensvorbereitung in den nächsten Tagen merklich steigerte.
Ein schön gelegenes Zimmer im Londoner Stadtteil Marylebone in der Nähe des Regent’s Park konnte ich über das Internet (www.rollonfriday.com) relativ schnell finden (und mir dank einer den Londoner Lebenshaltungskosten angemessenen Reiskostenpauschale glücklicherweise auch leisten); allerdings ist die Wohnungssuche in London nicht immer so einfach, insbesondere wenn man nur eine Unterkunft für drei Wochen sucht. Meine Vermieterin war eine amerikanische Anwältin, die – so klein ist die (Juristen)welt – wiederum zufällig aus alten New Yorker Zeiten zwei heutige Partner von Hengeler Mueller kannte.

Am 8. November war es dann soweit – der erste Tag als „City Lawyer“. Dieser begann mit einer Fahrt mit der veralteten und wenig effizienten Londoner U-Bahn, die für fünf Stationen morgens 20 Minuten braucht und ständig ohne erkennbaren Grund stehen bleibt. Umso moderner und effizienter gestalteten sich dann Empfang und weiterer Ablauf bei Slaughter and May. Nach einer kurzen Wartezeit im Empfangsbereich des beeindruckenden Gebäudes wurden wir – insgesamt sieben Referendare aus Düsseldorf und Frankfurt – von Alison Hahn, einer für die Koordination der internationalen Zusammenarbeit zuständigen Mitarbeiterin, in den Konferenzraum geführt, in dem wir in den nächsten drei Wochen fast jeden Tag einige Stunden mit Vorträgen zu verschiedenen Themen verbringen sollten. Dort wurde uns unser Begrüßungsordner mit dem voll gefüllten Programm ausgehändigt. Dieses umfasste neben den kanzleiweiten Fortbildungsveranstaltungen für die englischen Anwälte eine Reihe von Einführungsveranstaltungen wie „Introduction to Contract and Company Law“, „Introduction to Property Law“, „Introduction to Private Equity“ oder „How to become a lawyer in the UK“, die speziell für uns durchgeführt wurden. Daneben fanden mehrere Veranstaltungen außerhalb des Kanzleigebäudes wie Gerichtsbesuche, ein Spaziergang auf den Primrose Hill und anschließendes Abendessen mit Heinrich Knepper, dem Londoner Partner von Hengeler Mueller, oder eine Stadtführung statt.

Zwischen den vielen Veranstaltungen saßen wir jeweils mit englischen Anwälten zusammen in deren Büros und wurden in dem Umfang, wie dies angesichts unserer kurzen Aufenthaltsdauer zweckmäßig war, in deren Tätigkeit eingebunden. Ich teilte das Büro mit Tom und Vicki, zwei ganz jungen Anwälten, die gerade erst ihre Zulassung erhalten hatten und stets gut gelaunt ihrer Arbeit nachgingen, die meist aus dem Anpassen vorhandener Dokumente oder dem Zuhören (mit Kopfhörer) bei Telefonkonferenzen bestand. Wie ungefähr die Hälfte der Anwälte bei Slaughter and May haben Tom und Vicki nicht Jura studiert (sondern Geschichte bzw. Altphilologie); beide interessierten sich für Deutschland und andere nichtjuristische Themen, so dass man sich immer gut unterhalten konnte. Dass man selbst sich seit über sieben Jahren in der juristischen Ausbildung befindet und immer noch nicht fertig ist, ist den englischen Gesprächspartnern allerdings schwer zu vermitteln.

Ich habe mich im Büro von Slaughter and May sehr wohl gefühlt. Alles ist zwar sehr groß und auch anonymer als man das von Kanzleien in Deutschland gewöhnt ist. So betreten die Mitarbeiter das achtstöckige Gebäude durch einen separaten Personaleingang mit Eingangschranken wie in der U-Bahn, und auf dem Gang oder im Aufzug grüßt man sich grundsätzlich nicht. Dieses Schweigen ist aber nicht unfreundlich gemeint und auch keine Eigenart speziell von Slaughter and May, sondern nur Ausdruck einer vielleicht „typisch englischen“ Zurückhaltung im Umgang mit anderen im Büroalltag. Im persönlichen Kontakt waren alle Mitarbeiter stets sehr aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit. Sehr angenehm war auch die Arbeit in der Bibliothek von Slaughter and May, in der zwar nicht annähernd so viele Bücher wie in der Düsseldorfer Bibliothek stehen, von der aus man aber einen schönen Blick über die Dächer Londons hat. Zudem verfügt die Kanzlei im Erdgeschoss über eine eigene Kantine, in der für eine Kantine erstaunlich gutes Essen angeboten wird (die Partner speisen allerdings im separaten Partners’ Dining Room im obersten Stockwerk). 

Mein persönliches „Highlight“ des Programms war der Besuch bei den Barristers von One Essex Court und der Royal Courts of Justice. One Essex Court ist ein Zusammenschluss von Barristers, mit denen Slaughter and May häufig zusammenarbeitet, wenn ihre Fälle streitig werden. Wir unterhielten uns dort zunächst länger mit dem Senior Clerk, der für die Organisation, das Marketing und die Honorarvereinbarungen „seiner“ Barristers zuständig ist. Er erklärte uns in allen Einzelheiten Funktion, Stellung und Werdegang von Barristers und Queen’s Counsels und die Bedeutung der äußerlich sichtbaren Eigenarten des englischen Rechtssystems wie langen und kurzen Perücken, verschiedenen Roben sowie roten und blauen Samtbeuteln. Danach wurden wir von vier jüngeren Barristers zum Essen in den prächtigen Speisesaal des altehrwürdigen Temple Inn eingeladen, zu dem man nur in Begleitung eines Barristers Zutritt hat. Am Nachmittag wurden wir dann von zwei Trainees von Slaughter and May durch das Labyrinth der Royal Courts of Justice zu zwei mündlichen Verhandlungen geführt, in denen Fälle von Slaughter and May verhandelt wurden. So erhielten wir an einem Tag einen anschaulichen und unterhaltsamen ersten Eindruck von der Prozessführung in England. Auf eigene Faust hatten wir an einem anderen Tag bereits einen Mordprozess im Strafgericht Old Bailey beobachtet, so dass wir auch diese Seite des englischen Rechtssystems kennen lernen konnten.

Martin Empt


nach obennach oben  |  Seite druckenSeite drucken  |  Schriftgröße: A  A  A

Erfahrungsberichte Referendare:

Station bei Hengeler Mueller

Station bei „Best Friend“ Kanzleien

Short-Term Secondment London:

Jennifer Bryant

Secondment 2008/I

Philipp Dornbach

Martin Empt